Zu Gast in Lin am Ohridsee – Albanien

Der kleine Fischerort Lin am Ohridsee in Albanien

Zu Gast in Lin am Ohridsee – Albanien

Einzigartige Gastfreundschaft erleben

Während der Reise durch Albanien haben wir immer wieder das Glück auf freundliche Einheimische zu treffen, die unseren Urlaub zu etwas Unvergesslichem machen. Das Land begeistert uns mit seiner wunderschönen Natur. Dennoch sind es die Begegnungen mit anderen Menschen, die diese Orte zu etwas ganz Besonderem machen.

Zuhause bei Viktor in Lin (Ohrid See)

Der traumhafte Ort Lin liegt am Rande des Ohrid Sees nahe der Grenze zu Nordmazedonien. War er zunächst gar kein geplanter Stopp unserer Reise, wird er sich als einer der schönsten Plätze herausstellen, die wir besuchen. Dank seiner Lage direkt am See bietet er sich perfekt an, das mitgebrachte Kanu aufs Wasser zu lassen und den See und seine Umgebung zu erkunden.

So kommt es, dass wir ohne jegliches Vorwissen über das Dorf unseren Bus durch die schmalen Straßen immer weiter ins Innere steuern. Langsam drängt sich das Gefühl auf, bald das Ende einer Sackgasse zu erreichen. Als die Straße dann tatsächlich endet, sind wir ratlos. Zugestellt mit Autos ist der kleine Platz zu eng um zu wenden und auf den engen Straßen rückwärtszufahren wirkt unmöglich.

Doch noch bevor wir uns darüber genauer Gedanken machen können, kommt ein älterer Mann aus seinem Haus und spricht uns an. Da er nur albanisch und ein paar Brocken italienisch spricht, dauert es eine Weile bis wir verstehen worauf er hinaus will. Viktor, wie er sich später vorstellt, lädt uns ein in seinem Haus zu übernachten und während unseres Aufenthalts in Lin bei ihm zu wohnen. Wir sind zunächst skeptisch. Ist diese Art der Gastfreundschaft normal in Albanien? Wird er am Ende viel Geld von uns verlangen?

Eigentlich, so erklären wir ihm, wollen wir im Bus übernachten, woraufhin er uns einen kleinen Schlafplatz auf seinem Grundstück anbietet. Dank seiner englisch sprechenden Nichte kommt es zu keinen weiteren Missverständnissen und wir nehmen das Angebot dankend an. In direkter Nachbarschaft zu seiner Ziege schlagen wir unser Camp auf. Die Lage könnte besser nicht sein. Nur wenige Meter vom See entfernt und mit direktem Wasserzugang ist der kleine Platz auch Schauplatz vieler lustiger Begebenheiten. Wir scheinen nicht die einzigen zu sein, die auf gut Glück bis ans letzte Ende des Ortes fahren, um dort eine Sackgasse vorzufinden. Viktor (Tori) genießt dieses Schauspiel und verbringt den restlichen Tag auf einem Stuhl am Rande seines Grundstücks mit gutem Blick auf das Geschehen.

Abends im Restaurant

Das Restaurant Rrema in Lin am Ohridsee

In Lin finden sich zwei Restaurants am Anfang des Ortes. Direkt am Ufer gelegen, kragen die Terrassen über das Wasser aus und man hat einen tollen Blick während dem Essen. Obgleich tagsüber noch Busse mit Touristen die Gaststätten füllen, treffen wir abends fast nur auf Einheimische, die hier ihr Feierabend Bier genießen.

Von frisch gefangenem Fisch über Fleischgerichte bis hin zu vegetarischen Speisen findet sich alles im Menü. Für umgerechnet 15 € lässt sich dort zu zweit ausgiebig essen und trinken. Im Laufe des Abends kommen wir mit einem der Einheimischen ins Gespräch. Er ist zwar in Lin aufgewachsen aber später für die Arbeit nach Wien gezogen. Nun kehrt er in den Sommerferien gerne in seine Heimat zurück und verbringt seine freie Zeit stets mit der ganzen Familie in Lin.

An diesem Abend wie auch am nächsten fällt uns auf, dass sich außer mir fast ausschließlich Männer im Restaurant befinden. Sitzen während dem Essen ab und zu noch Frauen mit am Tisch, so lassen die Männer anschließend alleine den Abend bei einem Bier ausklingen. Für uns ein ungewohntes und veraltet wirkendes Bild.

Rohbau oder Bauruine?

Schon auf unserer Reise und auch in Lin sind uns mehrere beton Rohbauten aufgefallen, die nie vollendet wurden. Grund dafür, wie der Albaner uns erklärt, ist, dass die Bauherren neue Häuser beginnen und dann im Nachhinein keine Baugenehmigung bekommen. So verfallen die verlassenen, halb fertigen Gebäude und geben ein dramatisches Bild in der Landschaft Albaniens ab. Auch dort, wo sich das Restaurant befindet, ist nur das Erdgeschoss ausgebaut und über ihm wachsen zwei weitere Stockwerke aus rauem Beton in die Höhe. Die Treppenhäuser wirken wie nachträglich hinzugefügt und winden sich um die Ecken des Hauses. Aufeinander treffende Muster und Formen geben dem Bau etwas grafisches.

Wie die Menschen in Lin leben

Unser erster Eindruck von dem Ort kommt mehr dem eines Filmsets gleich. Die engen Straßen werden gesäumt von kleinen, für die Region typischen Steinhäusern, perfekt gepflegten Gemüsegärten und kleinen Ställen für Ziegen und Schafe. Weinreben ranken an Zäunen empor und bilden grüne Baldachine über den Gassen. Das gängige Verkehrsmittel in diesem, mit dem Auto fast unbefahrbaren Ort, scheinen die Esel zu sein. Voll bepackt mit der Ernte vom Feld oder dicken Strohbüscheln rennen sie blökend durch Lin, gefolgt von ihren laut rufenden Besitzern.

Früh morgens werden die Ziegen und Schafe von ihren Besitzern durch den Ort auf die Weide getrieben. Ihre Hinterlassenschaften auf der Straße werden im Laufe des Morgens von den Frauen der Häuser zusammengekehrt und entsorgt. Anschließend wird die Straße noch mit Wasser geflutet und gründlich gereinigt. Dieser Drang zur Sauberkeit wirkt etwas befremdlich, betrachtet man den Boden des Sees in Ufernähe. Außer tausender kleiner Fische und Seepflanzen finden sich hier auch allerhand Flaschen, Lampen, Stühle und Geschirr, um nur einige Beispiele zu nennen. Der plötzliche Sprung Albaniens in die Moderne, ohne ein funktionierendes Müllsystem oder Kläranlagen, hat dazu geführt, dass der große See zu einem willkommenen Ersatz wurde. Zwar sei die Situation schon deutlich besser als von ein paar Jahren, aber dennoch liegt nach wie vor ein langer Weg vor Albanien, dieses Problem hier und auch in anderen Regionen in den Griff zu bekommen.

Neben der Fischerei und der Landwirtschaft versuchen die Anwohner auch langsam den Tourismus in Lin aufzubauen. Zwar strahlt das Hotel Leza am Anfang des Ortes wenig Charakter aus, jedoch hat es ein nettes Restaurant und eine große Terrasse Richtung See. Außerdem finden sich mehrere kleine Unterkünfte mit direktem Seezugang und ihrem ganz persönlichen Charme. Bisher scheint der Ort aber nach wie vor ein Geheimtipp für Reisende zu sein, die den klassischen Touristen Spots entfliehen und individuelle Erfahrungen sammeln wollen.
Den Ohrid See vom Wasser aus erkunden.

Den Ohrid See vom Wasser aus erkunden

Ein Schifferboot auf dem Ohridsee in Albanien

Wir lassen das Kanu zu Wasser und machen uns auf den Weg, die Umgebung der Halbinsel zu erkunden. Im klaren Wasser um uns herum schwimmen tausende kleiner Fische und wir können bis zum Boden sehen. Seepflanzen wachsen empor und scheinen nach dem Boot zu greifen. Zunächst paddeln wir den Ort entlang und bewundern die kreative Müllkunst, die im See ausgestellt wird. Sie regt die Fantasie an und erzählt so manche lustige oder spannende, oder aber auch einfach banale und langweilige Geschichte. Danach geht die Reise weiter in die andere Richtung vom Ort weg um die kleine Halbinsel herum. Schon den ganzen Tag über hatten wir beobachtet, wie Einheimische mit ihren kleinen Fischerbooten die wenigen Touristen dort hinfuhren. Nun wollen auch wir uns ein Bild davon machen. Als wir um die Ecke biegen, öffnet sich der Blick auf eine weitere Bucht mit steilen Uferhängen. Trotz des steilen Geländes stellen wir überrascht fest, dass auch hier noch Gemüse angebaut wird. Auf kleinen, flachen Stellen am Ufer tummeln sich Jugendliche aus dem Ort und genießen dort den Tag.

Mit unserem roten Kanu sind wir die absoluten Exoten auf dem Wasser. Sowohl unser Gastgeber Tori also auch die anderen Dorfbewohner scheinen höchst verwundert über unser Gefährt. Üblich für das Dorf sind Holzboote, die entweder gerudert werden oder von einem kleinen Motor angetrieben werden. Ein Plastikboot mit Stechpaddel scheinen Viktor keine vertrauenerweckende Alternative zu sein. Während er uns zu einer Rundfahrt in seiner Nussschale zu überreden versucht, bieten wir ihm eine kleine Tour mit dem Kanu an. Schlussendlich bleiben wir dann doch lieber bei unseren eigenen Booten.

Kanu fahren auf dem Ohridsee
Auf einer Terrasse in Lin am Ohridsee

Die Einladung auf seine Terrasse direkt am See nehmen wir allerdings dankend an und verbringen dort die Zeit mit lesen, baden und Fische beobachten. Abends trinken wir noch gemeinsam mit seiner Familie ein Bier am Wasser und erzählen ihnen von unseren weiteren Reiseplänen. Zum Glück! Denn sie raten uns nicht wie geplant über kleine Straßen zurück in den Norden zu fahren, sondern wieder die Hauptstraße über Tirana zu nutzen. „Landstraßen“ seien in Albanien nicht mehr als schlechte Schotterpisten die nur mit einem Allradwagen befahrbar sind.

Als Dank für seine Gastfreundschaft schenken wir Viktor eine Packung Zigaretten, ein bisschen Geld und eine kleine Whiskyflasche und machen uns am nächsten Morgen auf den Weg zu unserem nächsten Ziel. Dies wird sicher nicht unser letzter Besuch in diesem kleinen Paradies gewesen sein.

Wir gemeinsam mit unserem Gastgeber Viktor in Lin am Ohridsee

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